Folge 1
Shownotes
In der ersten Folge schauen wir uns die Bühnen Münchens an. Oder genauer gesagt, die Schauspielschulen Münchens. Wie wird man Schauspieler*in? Habt ihr euch das auch schonmal gefragt? In dieser Folge spricht Marleen mit verschiedenen Akteuren an Schauspielschulen und Kunsthochschulen und schaut sich an, wie barrierefrei ist die Ausbildung zum Schauspieler / zur Schauspielerin?
Die Folge ist im Rahmen von Marleens Abschluss entstanden und wurde allein von Marleen Uebler erstellt, geschnitten & gescriptet. Barrierefreiheit ist so viel mehr und bedeutet so viel mehr, als in dieser Folge dargestellt wurde.
Danke an die Freie Bühne München, die August Everding Akademie, Sinem Gökser, Jonas Karpa und an Nicolas Iglesias für das Sounddesign.
Das Magazin Andererseits: https://www.andererseits.org/lesen/https://www.andererseits.org/lesen/
Die Neue Norm: https://dieneuenorm.de/glossar-begriffe-zu-behinderung-inklusion-und-vielfalt/
Meine Anfragen an die Arbeitsagentur München: https://dieneuenorm.de/glossar-begriffe-zu-behinderung-inklusion-und-vielfalt/
Meine Anfrage an das Ministerium für Wissenschaft und Kunst: https://fragdenstaat.de/anfrage/barrierefreiheit-an-den-kunsthochschulen-bayerns/
Transkript anzeigen
Hi, ich bin Marleen und ich liebe Theater, das Museum oder Konzerte. Darum habe ich auch in München Kulturjournalismus studiert. Und dabei habe ich ganz schön schnell gemerkt, der Kulturbereich ist oft elitär und Zugänge sind eher eine verschlossene Tür als eine offene Bühne.
Und ganz ehrlich, ich habe keinen Bock mehr auf Kultur, die nur für ein paar Auserwählte da ist. Also reden wir hier drüber. Willkommen bei Able to Act, dem Podcast, der hinter die Kulissen der Kulturbranche schaut und fragt, wie inklusiv sind wir wirklich?
Wir reden hier über mehr als Rampen und Aufzüge, es geht um Teilhabe, Repräsentanz und darum, wer auf der Bühne steht und wer nicht.
Hier gleich mal eine kleine Anmerkung am Rande: mein Blick bleibt heute zwar sehr oft in München, aber die Situation ist in ganz Deutschland ziemlich ähnlich.
München ist nicht nur Brezen und Biergärten, sondern auch eine Theaterstadt mit gleich mehreren Schauspielschulen dazu. Das heißt, hier kann man Regie, Schauspiel oder Dramaturgie studieren und dann an einem der Stadttheater arbeiten. Um also herauszufinden, wie inklusiv die Schauspielausbildung in München ist, habe ich als allererstes mit Angelika Fell von der Freien Bühne München gesprochen.
Denn das ist die erste Schauspielschule in Bayern, die extra für Menschen mit Behinderung gegründet wurde. 2013 hat Angelika sie ins Leben gerufen und der Grund dafür war ganz persönlich. Ihr Sohn Dennis wurde mit Down-Syndrom geboren und er wollte unbedingt Schauspieler werden:
Angelica Fell (AF): Ja, ich habe an viele Türen geklopft und auch bei anderen Theatern gefragt, könntet ihr nicht irgend so etwas schaffen? Nein, es konnte niemand, weil einfach die Zeit auch gar nicht da war. Und ja, es blieb dann irgendwie auch nichts anderes übrig, als es selbst zu machen.
Die Freie Bühne gibt es also, weil Angelika diesen Traum erfüllen wollte.
Denn damals gab es null Chance, dass eine Schauspielschule, also eine normale Schauspielschule, jemanden mit einer Behinderung wie dem Down-Syndrom überhaupt aufnimmt.
AF: Ja, der Punkt ist, dass gar nicht abgelehnt wurde. Es war gar nicht denkbar, dass jemand mit Down-Syndrom sich an einer Schauspielschule bewirbt. Es ist ja auch heute noch, kommen eigentlich die Familien mit talentierten Kindern mit Behinderung, die gerne in den Schauspielberuf starten wollen, die kommen gar nicht auf die Idee. Weil das ist so verinnerlicht, dass diese Kriterien, die dort herrschen, niemals erfüllt werden können. Also das ist... (Fade out)
…So weit weg, sagt Angelika Fell.
Und klar, das ist es auch. Aber eigentlich gibt es ja für solche Fälle, also für Menschen mit Behinderung, die eine Ausbildung zu irgendeinem Beruf machen wollen, Behindertenwerkstätten. Daran müsstet ihr bestimmt jetzt auch denken.
Manche davon bieten auch Theater- oder Kunstprojekte an. Aber Angelika zieht da eine ziemlich klare Grenze. Für sie sind Werkstätten Orte, an denen Menschen beschäftigt, aber nicht wirklich ausgebildet werden.
Ein richtiger Berufsweg zum professionellen Schauspieler oder Schauspielerin, den gibt es dort nicht. Und genau deshalb musste sie die Freie Bühne München gründen. Weil sie überzeugt ist, dass jeder Mensch mitten in die Gesellschaft oder eben auch mitten auf die Bühne gehört.
AF: Die Perspektive in einer Werkstatt für behinderte Menschen ist eigentlich nicht vielversprechend. Eigentlich haben Werkstätten die Aufgabe, die Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen. Aber das tun sie in den seltensten Fällen.
Im EU-Recht, an das sich Deutschland natürlich auch halten muss, steht es auch ziemlich klar drin, dass das Bildungssystem inklusiv sein muss, ohne Ausschluss aufgrund von Behinderung oder anderen Gründen. Und diesen Zweck übernehmen in Deutschland eigentlich die Werkstätten. Die sollen so ausbilden, dass die Leute dann ganz normal im Arbeitsmarkt landen.
Aber hier hat Angelika leider recht, denn die Realität ist ziemlich ernüchternd. Weniger als ein Prozent schaffen den Sprung in den Arbeitsmarkt. Deshalb gibt es die Freie Bühne so, wie sie ist.
Als Schule, die professionell für den Theaterberuf ausbilden will. Wer tiefer in die Details zum Werkstattmodell einsteigen möchte, kann sich das Magazin andererseits anschauen. Dort gibt es eine aktuelle Recherche zum Werkstattmodell.
(Intstrumentale Unterbrechung)
Wie ist die Lage aktuell in München? Und was ist, wenn man nicht an der Freien Bühne München studieren will, sondern zum Beispiel an einer staatlich geförderten Schauspielschule, wie der Theaterakademie August Everding in München?
Andreas Puhani (AP): Andreas Puhani ist mein Name. Ich bin an der Hochschule für Musik Professor für Gehörbildung und seit vier Jahren Gleichstellungsbeauftragter in zwei Ämtern. Im Grunde nämlich Beauftragter für die Gleichstellung von Frauen in Wissenschaft und Kunst.
Früher hieß es Frauenbeauftragter. Aber in Personalunion auch als Beauftragter für die Gleichstellung von Studierenden mit Behinderung und chronischer Krankheit.
Lars Gebhard (LG): Mein Name ist Lars Gebhard. Ich bin der künstlerische Direktor und Koordinator des Lehrbetriebs und derzeit vertrete ich auch das Präsidium in Zeit des Interims.
Jochen Schölch (JS): Ich bin Jochen Schölch. Ich leite seit über 20 Jahren in Studiengang Schauspiel, habe die Professur für Schauspiel.
Hier zu studieren ist ein Riesending und der Weg dahin geht über drei bis vier Aufnahmeprüfungsrunden. Und dabei müsst ihr euch vorstellen, 600 Bewerbungen für gerade mal acht bis zehn Plätze. Das ist ein enormer Andrang.
Und dabei ist auch irgendwie klar, dass Bewerber: Innen mit Behinderung vielleicht erst mal Angst oder Bedenken mitbringen.
JS: Ich würde erst mal sagen, das Berufsbild. Die Vorstellung, wie sieht dieser Beruf im Alltag aus? Letztendlich das, was man auf den Bühnen sieht, denkt man, das ist der Beruf. Jetzt haben die Münchner Kammerspiele, ja wir sind da wirklich einen Weg gegangen. Das ändert auch was. Dass sich plötzlich Menschen vorstellen können, ach das könnte ja auch was für mich sein. Das war vorhin denkbar, aber es war eine Unsichtbarkeit. Angefangen hat es ja, also wir sind im Verband der Staatlichen Schauspielschulen… (Fade out)
Der, der gerade gesprochen hat, ist Jochen Schölch.
Und er hat auch irgendwie recht. Denn in Deutschland gibt es weit weniger Schauspieler: Innen mit Behinderung verglichen mit ihrem Anteil an der Bevölkerung. Das heißt übersetzt, dass einfach viel weniger Menschen, die eine Behinderung haben, es wirklich schaffen, den Schauspielberuf auszuüben.
Und der Grund laut ihm? Fehlende Repräsentation. Wenn man nie jemanden wie sich selbst auf der Bühne sieht, dann denkt man halt auch nicht, hey, ich könnte das auch. Das Ergebnis ist ein endloser Loop: Keine Vorbilder, keine BewerberInnen, keine SchauspielerInnen mit Behinderung. In München gibt es eine der wenigen Ausnahmeteater, die das anders machen. Die Kammerspiele.
Denn die haben in ihrem festen Ensemble gleich mehrere Menschen mit einer Behinderung. Und das ist zum Teil auch das Ergebnis von der Freien Bühne München und Angelika Fells Arbeit.
AF: Das ist ja auch in der UN-BRK verankert, dass auch das Publikum wird durch Inklusion auf der Bühne oder vor und hinter der Bühne, wird auch das Publikum diverser.
Wir haben zum Beispiel durchschnittlich zwischen 12 bis 15 Prozent ZuschauerInnen mit Behinderung. Ja, da sind die, die sich dann auf der Bühne auf einmal wiederfinden, die vielleicht diese Schwellenangst auch hatten. Theater hat nichts mit mir zu tun.
Und auf einmal hat Theater was mit Ihnen zu tun. Und dann sehen Sie jemanden mit Down-Syndrom zum Beispiel auf der Bühne.
Die ersten AbsolventInnen der Freien Bühne München stehen heute also fest im Ensemble der Münchner Kammerspiele.
Doch das Ziel von Gleichberechtigung ist natürlich noch lange nicht erreicht. Und genau das habe ich auch die August-Everding-Akademie gefragt. Wie ist die Lage aktuell? Bewerben sich an einer staatlich geförderten Akademie überhaupt Menschen mit Behinderung?
JS: Also es gibt immer wieder Anfragen. Wir halten es eigentlich so, dass wir eine Beratung anbieten, um auch zu sehen, ob wir adäquat reagieren können, ob wir von den Räumlichkeiten, von dem, was wir an Kenntnissen haben, auch dann wirklich gut ausbilden könnten. Und es gibt dann Vorgespräche, die gibt es schon… (Fade Out)
Klar, in dem Gespräch räumt die Leitung und auch Jochen Schölch ein, dass es schon Leute gibt, die eine leichte Behinderung haben.
Aber jemanden mit einer Schwerbehinderung, also wie zum Beispiel dem Down-Syndrom, können sie nicht aufnehmen. Warum sich das auch erstmal nicht ändern wird und was sie dazu zu sagen haben, darauf schauen wir gleich noch.
Staatliche Hochschulen stehen vor ganz anderen Hürden als jetzt die Freie Bühne München zum Beispiel. Denn die wurde von Anfang an inklusiv geplant. Die Akademie August-Everding eben einfach nicht. Denn damals waren die Schulen einfach nicht inklusiv gestaltet.
Das fängt schon beim Gebäude an und endet in der Ausbildung der Lehrenden. Und jetzt müssen sie alles komplett umkrempeln. Oder müssten.
Und der Weg der Akademie zeigt, warum Inklusion oft an strukturellen Grenzen scheitert.
(Instrumentale Unterbrechung)
In Bayern heißt so eine Veränderung aber ein fetter Papierberg an Bürokratie. Warum? Weil die Schauspiel- und Kunsthochschulen alle direkt am Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst hängen.
SG: Genau, die Stellenbeschreibung ist einerseits Referenten für Diversität und Inklusion und in den Hochschulverträgen heißt es dann eben Chancengleichheit, Gleichstellung, Inklusion. Ich versuche jetzt alles sozusagen zu verbinden.
Und für vier Kunsthochschulen in ganz München gibt es genau eine Koordinierungsstelle für Inklusion. Das ist Sinem Gökser. Sie kümmert sich also allein um diese vier Kunsthochschulen, um Inklusion und Diversität voranzubringen.
Mit Gökser habe ich natürlich gesprochen. Und sie macht im Gespräch immer wieder deutlich, dass das ein riesiger Berg an Arbeit ist. Sie betont zwar, dass der Wille da sei, aber Zeit und Ressourcen einfach fehlen. Und sie als eine einzelne Person kann das natürlich nicht stemmen.
Sinem Gökser (SG): Ich sehe meine Aufgabe so, dass es einfach so eine Bestandsaufnahme ist, die ich machen kann. Ich kann gar nicht realistisch die Welt verändern. Und auch nicht in diesen Blasen von den elitären Hochschulen. Es ist ein Weg.
Ich habe das Ministerium danach natürlich direkt angefragt und mich erkundigt, wie denn die Pläne für die Zukunft aussehen, was Inklusion der Lehre an Hochschulen in Bayern betrifft. Schließlich ist Sinem Göksers Stelle auf gerade mal drei Jahre begrenzt. Und dabei frage ich mich, was passiert danach? Ist nach drei Jahren alles erledigt? Ist das Thema Inklusion dann einfach abgehakt?
Frau Gökser macht da ehrlich kein Geheimnis draus: Ihre Aufgabe ist eher eine Bestandsaufnahme, ein Überblick über den Status Quo. Vorantreiben eher nicht so viel. Und auch ohne eine Antwort des Ministeriums bisher ist mir zumindest klar, dass es mehr braucht.
Frau Göksers Arbeit ist zwar schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, aber es ist noch wirklich viel Luft nach oben, um die Hürden abzubauen. Auf eine ganz konkrete Hürde kommen wir jetzt zu sprechen.
(Instrumentale Unterbrechung)
Also, was steht bis jetzt fest? Erstens, wer Schauspiel studieren will, muss auf eine Schauspielschule.
Staatlich gibt es welche wie die August-Everding-Akademie oder privat über die Freie Bühne München. Zweitens, die Unterschiede zwischen diesen Schulen sind vor allen Dingen die Semestergebühren, die Aufnahmekriterien und der Ruf. Das mag jetzt vielleicht blöd klingen, aber staatlich geförderte Schauspielschulen wie die August-Everding-Akademie genießen einfach einen viel größeren Ruf in Deutschland als alle anderen privaten Schulen.
Und das liegt eigentlich nur daran, dass es einfach schwerer ist, da reinzukommen. Plätze sind stark begrenzt und die Konkurrenz ist hoch. Wenn man dort also studiert, hat man es quasi geschafft.
Darüber habe ich auch mit Jochen Schölch gesprochen und ihn gefragt, ob Menschen mit Behinderung sich an diesen angesehenen Schulen wie der August-Everding-Akademie überhaupt bewerben können.
JS: … Aber wenn es um geistige Einschränkungen geht, wenn es wie um Trisomie zum Beispiel geht, dann ist ja schon die Zugänglichkeit eigentlich durch den Schulabschluss oft, was für uns sehr schade ist, weil da ist eine Unmittelbarkeit im Spiel, die künstlerisch sehr hochwertig und wertvoll ist auf der Bühne, aber die von dem Schulabschluss schon ausgeschlossen sind. Also da versuchen wir immer noch mit der Hochschule dann auch…
AP: Kann man das ändern? Das ist ja eine Gesetzeslage. Das könnte man ja einfach abschaffen den Passus.
JS: Genau, das ist unser Thema, dass wir das versuchen.
(Fade Out)
Mittlere Reife. Und das eigentlich auch nur in Ausnahmefällen. In der Regel ist eigentlich das Abitur Pflicht. Und für super viele Leute bedeutet das gar nicht erst bewerben.
An dieser Stelle würde ich jetzt gerne darauf eingehen, wie ungerecht unser Bildungssystem ist und welche Menschen es denn wirklich schaffen, ein Abitur zu machen. Aber dafür fehlt hier einfach der Platz. Wie ihr in dem Interview hören könnt, ist sich die Hochschule der Problematik ja auch bewusst.
Aber man scheint daran nichts ändern zu können. Und dieses Kriterium mit dem Abitur, das gilt nicht nur an der August-Everding-Akademie, sondern an fast allen staatlich geförderten Kunsthochschulen. Damals hätte sich Dennis also gar nicht erst bewerben können bzw. konnte sich gar nicht erst bewerben.
Und heute ist es immer noch genauso. Wenn sich jetzt also eine Person mit Behinderung, wie z.B. dem Down-Syndrom, denkt, ey, ich möchte an die August-Everding-Akademie, dann fallen sie einfach schon mal durch, weil sie kein Abitur haben.
Dann bleibt für eine Schauspielausbildung die Freie Bühne München. Dort gibt es nämlich die barrierefreie inklusive Ausbildung, die keine Anforderungen an einen Schulabschluss stellt. Aber was ist, wenn man sich das dann einfach nicht leisten kann?
AF: Also es ist ziemlich skandalös, dass eigentlich die Studierenden, deren Familien das Schulgeld sich leisten können, ihre Ausbildung machen können und die anderen dann eben nicht.
Wir hatten auch jemanden, eine sehr begabte junge Frau, die in der Werkstatt ist. Wir haben wirklich gekämpft, ob nicht über den Bezirk Oberbayern, der dann zuständig ist für die Hilfen und Budget Ausbildung, Budget Arbeit, alles was es da so gibt. Aber das wurde, trotzdem wir da auch wirklich Termine hatten und ich mich auch sehr persönlich eingesetzt habe, wurde das dann doch nicht ermöglicht, dass diese junge Frau über das Budget für Ausbildung die Ausbildung finanziert bekommt.
Da spielt letzten Endes auch immer die Idee im Hinterkopf eine Rolle, ja, das ist so ein unsicherer Beruf. Eine Schauspielerei ist ein unsicherer Beruf und da ist doch die Werkstatt einfach viel sicherer. Und ob jemand da glücklich ist oder nicht, das spielt dann keine Rolle.
Als Angelika Fell mit der freien Bühne angefangen hat, war das allerdings anders.
AF: Wir waren die ersten sechs oder sieben Jahre, wurden unsere Studierenden über die Arbeitsagentur gefördert. Die haben sogar Ausbildungsgeld bekommen über die Arbeitsagentur und das war also überhaupt gar kein Thema.
Es war eine geförderte Ausbildung. Wir hatten dann eine Kooperation mit der BfZ, Bundesfortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft. Das lief eigentlich sehr, sehr gut.
Und dann kam ein neuer Sachbearbeiter und der hat dann gesagt, oh nein, oh nein, das geht nicht, weil wir müssen die Studierenden fest anstellen und auch übernehmen nach der Ausbildung. Ja, das ist illusorisch für ein kleines Theater, das kann niemand leisten. Und dann hat er auch gesagt, na ja, eigentlich ist das noch gar nicht so vorgesehen, dass Menschen mit Behinderung dann auch Künstlerinnen werden.
Und dann hieß es, es ist kein Ausbildungsberuf. Also es waren viele, viele, viele Ausflüchte. Wir sind jetzt dabei und gucken gerade nach BaFöG… (Fade Out).
Das heißt also, ohne Abi kann man sich nicht an der staatlich geförderten, billigeren Schauspielschule bewerben. Und ohne Geld kann man sich nicht an der privaten Schauspielschule bewerben. Ich habe die Arbeitsagentur München natürlich danach gefragt.
Die haben sich nicht zu dem Thema äußern wollen. Ich kann Frau Fells Aussage mit dem neuen Sachbearbeiter also nicht verifizieren. Fakt bleibt, die Kooperation ist weg und die Studiengebühren sind da.
München ist jetzt natürlich nicht Deutschland. Aber ich finde, dass so ein Fall wie dieser mit der freien Bühne ziemlich gut zeigt, wie die Lage in Deutschland ist.
Ich bin ernüchtert. Überrascht? Null.
(Instrumentale Unterbrechung)
Nicht mal zwei von zehn SchauspielerInnen in Deutschland haben eine Behinderung. Das heißt übersetzt, dass die meisten Menschen mit Behinderung, die den Traum vom Schauspielberuf haben, es gar nicht erst in die Ausbildung schaffen.
Und die Gründe dafür sind super vielfältig. Zum einen liegt es daran, dass unser Bildungssystem immer noch extrem diskriminierend ist. Zum anderen, wie Jochen Schölch vorhin gesagt hat, gibt es keine Vorbilder, sodass man sich selber vielleicht gar nicht vorstellen kann, auf der Bühne zu stehen. Und zum dritten liegt es auch daran, dass Schulen oder Projekte wie die Freie Bühne München nicht so unterstützt werden, wie sie sollten. Oder die Menschen dann zum Teil selber die Kosten tragen müssen.
An dieser Stelle könnte ich natürlich noch ewig weiterreden. Aber insgesamt bleibt unterm Strich für mich eigentlich nur noch ein Fazit. Und zwar, dass Inklusion sehr, sehr stark an den politischen Willen gebunden ist.
Denn wie wir im Laufe dieser Folge gehört haben, liegt es zum Beispiel daran, dass Inklusion kaum umgesetzt wird an den Kunsthochschulen, dass sie dafür kein Geld haben. Und woher kommt das Geld? Richtig, aus der Politik. Es kommt von dem Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.
Und das sind die Vertreterinnen des Volkes, die wir wählen. Inklusion ist damit also nicht nur ein Randthema oder irgendwas, was man immer mal wieder, wenn Wahlkampf ist, hochholt. Sondern es ist ein Thema, das uns alle und immer betrifft und das wir aktiv mitentscheiden, wenn wir zur Wahl gehen.
Zum Schluss sagt Angelika Fell zu mir noch Folgendes, was mir ziemlich krass hängen geblieben ist:
AF: (Fade In)…Alle Menschen mitten in die Gesellschaft gehören. Und Inklusion heißt ja auch Systemveränderung. Das ist ja anders als Integration. Genau, wo Menschen in ein bestehendes System integriert werden, ist bei der Inklusion ja so, dass das ganze System sich verändert, damit alle Platz haben und sich aufgehoben fühlen und auch weiterkommen.
Und wie viel Systemveränderung eigentlich nötig wäre, davon konntet ihr im Laufe dieser Folge hoffentlich einen Eindruck gewinnen.
Ich persönlich konnte super viel aus dieser Recherche mitnehmen und vor allem die Mechanismen besser verstehen. Denn so einfach, wie ich es mir am Anfang vorgestellt habe, mit der Inklusion, ist es leider nicht.
So, das war's mit der ersten Folge von Able to Act.
Vielen lieben Dank, dass ihr zugehört habt und meinen Weg in die Schauspielbranche begleitet. In der nächsten Folge rede ich mit SchauspielerInnen und ihr hört, wie sie die Bühnenwelt erleben.
Ihr wollt barrierefreien Journalismus unterstützen? Dann habe ich in den Shownotes ein paar Links für euch.
Also bis zum nächsten Mal. Bleibt dran!
Die Folge wurde produziert und geskriptet von Marleen Uebler. Sounddesign: Nikolas Iglesias.
Mein Dank geht an die Freie Bühne München, die August-Everding-Akademie, Sinem Gökser, Referentin für Diversität, Kunsthochschulen Südbayern und Jonas Karpa von der Neuen Norm.
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